Kulturkreis Haunstetten e.V.

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Geschichte KZ-Außenlager Haunstetten

Die Tragödien hinter dem Hermann-Frieb-Park:

Das KZ-Außenlager Haunstetten

Friedlich liegt der Hermann-Frieb-Park in der Sonne, ein idyllisches Fleckchen gleich neben der Inninger Straße: Grüner Rasen, mächtige Bäume, Lachen von Kindern und Jugendlichen, Senioren auf einladenden Parkbänken.

Nur wenige Haunstetter wissen noch um die grausame Vergangenheit dieser Idylle: Hier befand sich von 09.02.1943 bis 20.04.1944 eines der größten KZ-Außenlager der Luftfahrtindustrie Deutschlands.

Wie kam es dazu?

Aufgrund des zunehmenden Mangels an deutschen Arbeitskräften in den Jahren des 2.Weltkrieges für die Rüstungsindustrie der Messerschmittwerke kamen zuerst Kriegsgefangene zum Einsatz - Später nach und nach mehrere Tausend Zwangs- und Fremdarbeiter , die u.a. in Baracken der Lager Uhu und Star an der Inninger Straße wohnten.

Als diese Arbeitskräfte nicht ausreichten wurde von der SS im Februar 1943 auf Wunsch der Messerschmitt-Werke ein Außenlager des KZ-Dachaus erbaut und die SS "vermietete" die Häftlinge an die Messerschmitt AG. Davor war das Areal eine Kiesgrube, dann ein Militärinternierungslager.

Da KZ-Außenlager war von einem hohen elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun mit Sichtmatten umgeben. An den vier Ecken standen Wachtürme. Die Gefangenen aus ganz Europa lebten in ca. 22 Holzbaracken. Im Januar 1944 gab es bereits 2695 Häftlinge. Die ersten 200 waren im Frühjahr 1943 aus dem KZ Mauthausen (Österreich) gekommen, die anderen offiziell aus Dachau. Eine Erweiterung auf 4500 war von der Messerschmitt AG geplant.
Es waren meist junge Männer, politische Gefangene, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas usw. Männer mit technischen Kenntnisse waren von Messerschmitt besonders begehrt.

Sie arbeiteten fast ausnahmslos bei Messerschmitt in der Produktion der Me-210 und Me-410. Zu Fuß mussten sie in Kolonnen zu Messerschmitt laufen, bewacht von SS und Hunden. Täglich sahen die Haunstetter die Kolonnen der ausgemergelten Häftlinge zu ihrer 12 Stunden Schicht Viele Namen der verantwortlichen SS-Lagerleiter und der Wachmannschaft sind dem Kulturkreis Haunstetten nach umfangreicher Recherche nun bekannt.
Das Leben im Lager war für die Häftlinge voller Angst, Misshandlungen (z.B. Schläge oder das "auf sie Hetzen der Hunde") und Tod geprägt.
So schildert der überlebende Häftling Edmond Falkuss (1916-2010) in einem Interview, dass im Frühjahr 1944 vier entflohene, aber gefasste Häftlinge auf dem Appellplatz gehängt wurden; alle Häftlinge mussten dabei zusehen. Ebenso wurden acht des Diebstahls von Lebensmittelresten verdächtigte Häftlinge im Frühjahr 1944 gehängt. In der Regel mussten die Gehängten zur Abschreckung einen Tag hängen bleiben.

Aber auch Lagerälteste , selbst KZ-Häftlinge, waren von ihren Mithäftlingen gefürchtete Schläger. Ein Beispiel ist Hugo Zier(geb-1906): In seinen Memoiren berichtet der im KZ Dachau inhaftierte polnische Genaralkonsul M.Grabinski (1893-1960), wie Zier in Dachau mit Vorliebe Priester misshandelte. Den Weihbischof von Wloclawek ( Leslau), Michael Kozal (geb.1906), schlug er im Januar 1943 so brutal, dass dieser, schwer verletzt, daran starb. Zier wurde "In Anerkennung seiner Verdienste", so der Generalkonsul in seinem posthum 2007 erschienenen Buch, als Lagerältester ins Außenlager Haunstetten versetzt.

Durch alliierte Luftangriffe wurde das Lager am 13.April 1944 vollständig zerstört und nicht wieder aufgebaut. Die zahlreichen Angriffe forderten viele Todesopfer, da z.B. die Häftlinge die Luftschutzbunker nicht aufsuchen durften. Die Überlebenden mussten einige Tage im Freien auf dem Schießplatz im Wald "hausen".

Ab 20.04.1944 wurden die KZ-Häftlinge auf andere KZ-Außenlager verteilt, so z.B. Gablingen, Leonberg, Pfersee. Am 25.04.1945 mussten auf Befehl der SS alle den sog. "Todesmarsch" von Pfersee nach Klimmach (bei Schwabmünchen) antreten. Dort wurde sie, unter ihnen von den heranrückenden US-Truppen befreit.

Die Stadt Augsburg ließ 1985 im Park zur mahnenden Erinnerung eine Tafel mit Stahlkranz des Bildhauers Claus Scheele errichten.
Im Jahr 2008 erfolgte die Aufstellung einer Stele durch den Kulturkreis Haunstetten e.V. mit den über 120 von Kulturkreisvorstandsmitglied Heinrich Bachmann ermittelten Namen samt Nationalität, Geburts- und Sterbedaten der Opfern der Bombenangriffe des KZs

Wunderbar, dass wir heute die Idylle in Frieden und einem demokratischen Staat genießen können, doch darf man das Grauen dahinter nicht vergessen.

Jutta Goßner
Vorsitzende Kulturkreis Haunstetten e.V.

06.11.2021